Linux und Consulting?

Wieso die Beschäftigung mit IT-Systemtechnik neben dem Consulting?

Neben meiner Haupttätigkeit als IT-Consultant interessiere ich mich seit Hochschulzeiten für Programmierung und auch technische Aspekte von Betriebssystemen. Ich finde, dass ein gewisses Maß an technischem Hintergrundwissen als Voraussetzung von Prozess-Consulting nicht schadet. Und sei es nur dafür, dass man die richtige Kommunikations-Ebene mit den technisch Verantwortlichen in Unternehmen findet. Gerade im SW-Entwicklungsbereich ist Praxiserfahrung hilfreich, um die Anliegen von Entwicklern nachvollziehen zu können.

Oft sind es ja gerade SW-Entwickler und Systemadministratoren, die die Folgen von Prozessvorgaben oder Prozessänderungen externer Consultants als erste ausbaden müssen. Eine frühzeitige Abstimmung in einer Terminologie, die den Bedarfen und Erfahrungen der technischen Abteilungen den angemessenen Respekt erweist, erscheint mir daher wichtig. Die andere Seite der Medaille: Ich muss mir von Systemadministratoren oder Entwicklern nicht alles ohne die Chance auf eine konkrete inhaltliche Nachprüfung erzählen lassen.

Bei der Diskussion vieler sicherheitsrelevanter Prozesse und Risikoanalysen kann Betriebssystem- und Netzwerk-Technik nicht außen vor bleiben. Ich versuche deshalb, mein Basis-Wissen über Systemtechnik weiter zu pflegen. Soweit es die Zeit eben zulässt - und wenn möglich praxisnah. Da kommt dann Linux ins Spiel .....

Linux und ich

Meine Zeit in der astrophysikalischen Forschung am Max-Planck-Institut in den späten 80-ern hat mich bereits UNIX-affin gemacht. So habe ich 1989 damit begonnen, SCO Unix auf einem PC einzusetzen. In meiner ersten IT-Anstellung in der freien Wirtschaft war ich dann mitverantwortlich für die Etablierung von UNIX-Systemen für Oracle-Datenbank-Anwendungen. Der spätere Einsatz von Linux im eigenen System-Umfeld war damit irgendwie schon vorprogrammiert.

Sei etwa 2003 setze ich privat und wo immer es sich beruflich ermöglichen lässt, Linux auf dem Desktop und auf Servern ein. Nicht unbedingt, weil das in jedem Einzelfall besser oder gar bequemer als mit anderen Systemen wäre. Sondern vor allem, weil man dabei aus meiner Sicht sehr viel mehr über IT lernen kann als mit jedem anderen Betriebssystem.

OK, darüber kann man sich natürlich streiten - aber ich habe als früherer technischer Line-Manager auch schon mal MSCE-zertifizierte Angestellte gehabt, die unfähig waren, sich in IPtables einzuarbeiten .... 🙂

Den aktuellen Einsatz von Linux finde ich in jedem Fall hochinteressant und spannend - weil nah an der technischen Front und weil Linux mir dort Freiheiten gibt und Möglichkeiten eröffnet, wo andere populäre Systemen mit Gimmicks und bunten Bilder vorhandene Schwächen des System-Unterbaus ver- und überdecken. Linux hat mir zudem einen wesentlich fundierteren Zugang zum Aufbau von Server- und Netzwerk-Systemen ermöglicht als der frühere ausschließliche Einsatz von Windows-Systemen.

Linux bietet aus meiner Sicht heute alles, was man für effektives Arbeiten braucht - das gilt auch für den klassischen Office- und Groupware-Bereich. Im Netzwerk-, Server- und Security-Bereich kann man sich seit Urzeiten alles so zurechtschneiden, wie es das berufliche und private Umfeld erfordert. Auf jedem Niveau ... und die Skalierung auf die Enterprise-Ebene oder High-Performance-Computing war schon immer eine Domäne von Linux.

Schleichende Entfremdung von Windows

Ein technisch interessierter Mensch will meist ein wenig hinter die Kulissen blicken und wenn nötig, Dingen auf den Grund gehen. Genau das hat Windows seinen Nutzern aus meiner Sicht nie in einfacher Weise ermöglicht - der Benutzer wurde immer abgeschottet. Hinzu kam das Thema "Closed Source".

Kein Wunder, dass der IT-Nachwuchs in Ländern, in denen sich der Einsatz von Linux schon aus Kostengründen anbietet, z.T. besser in IT-Grundlagen ausgebildet ist, als Leute, die von Kindesbeinen an den Konsum von Windows gewöhnt wurden - nicht zuletzt auch in unseren Schulen. Die EU hat ja vor einigen Jahren vielleicht nicht ganz zu Unrecht MS als eines das größten Hindernisse für wirkliche Fortschritte in der IT identifiziert ....

Obwohl ich aus beruflichen Gründen selbst regelmäßig Windows nutzen muss: Ganz persönlich finde ich Windows-Desktop-Systeme todeslangweilig und - was mir wichtiger ist - schlecht organisierbar. Das setzt sich bei den Standard-Office-Anwendungen - insbesondere seit Office 2007 - fort. Dem User wird vieles verschleiert und der Such-Aufwand, bis man im System mal wirklich was Substanzielles verändern kann, wächst von Windows-Version zu Windows-Version - ohne dass für mein Gefühl irgendetwas bzgl. der Usability besser oder gar fundamental anders geworden wäre. Seitdem die Datensammelwut von MS mit Windows 10 offiziell wurde, hat sich meine innere Distanz zu windows-lastigen Systemen noch weiter vergrößert.

Gerade in Phasen verstärkter Entwicklungstätigkeit habe ich aber halt auch besondere Anforderungen. Da möchte ich mir mal eben (kostenfrei) einen virtuellen Server aufsetzen, der zusammen mit Client-Systemen innerhalb einer virtuellen Netzwerkumgebung bestimmte Anforderungen erfüllen soll. Oder gleichzeitig die Konfiguration mehrerer Remote-Server ändern ... Oder auf einem Laptop bestimmte Sicherheitsprobleme nachstellen, in dem ich auf virtuellen Systemen Angreifer und Verteidiger spiele .... Oder mal den Transfer von TCP/IP-Pakete direkt überwachen ... etc. etc. Linux bietet mir dafür die notwendigen Toolsets ohne Zusatzkosten an.

Das eben Gesagte ist natürlich keine qualifizierte oder qualifizierende Aussage zum Einsatz von Windows an Standard-Büro-Arbeitsplätzen in Unternehmen. Dennoch muss ich aus meiner Sicht und langjährigen Erfahrung als Freiberufler, der IT täglich für Office-, Präsentations- und Entwicklungs-Aufgaben nutzt, schon feststellen: Sorry, Bill und Nachfolger, man gibt für MS Produkte einen Haufen Geld aus und dennoch mangelt es einfach an zu vielen praktischen Tools, die man zumindest als Profi im täglichen Umgang mit IT nicht missen möchte.

Linux-Server

Im Bereich von Servern sehe ich Linux - vielleicht mit der Ausnahme von Groupware und Collaboration Systemen - von Haus aus bestens positioniert. Auch im Kleinen funktionieren die Server-Systeme für meine eigenen Ansprüche so, wie ich das erwarte. Das Schöne an Linux-Servern und generell an Opensource-Systemen für den engagierten Freiberufler, der nur wenige Arbeits- und Entwicklungsplätze versorgen muss, ist:

Man kann sich bei hinreichendem Interesse bis in die tiefsten Systemebenen einarbeiten - zu geringsten finanziellen Kosten, solange man Zeit dafür hat und professionellen Support nicht auslagern muss.

So habe ich im Laufe der Zeit auf verschiedenen Systemen diverse Serverkomponenten eingerichtet, die ich in der täglichen praktischen Arbeit dann auch intensiv und regelmäßig genutzt habe und nutze: DHCP, DNS, LDAP, Samba, NFS, Apache2, MySQL/Maria DB, PostgreSQL, Postfix, Cyrus IMAP, Open-Xchange, Kolab, Snort, Firewalls, SVN, GIT, ...

Später wurde immer mehr virtualisiert - unter XEN, KVM und zuletzt auch versuchsweise mal unter LXC. Ob unter Opensuse oder zunehmend Debian - die hohe Innovationsgeschwindigkeit unter Linux hat mich immer wieder gezwungen, mich mit Aspekten verschiedener Technologiebereiche auseinanderzusetzen. Die Entwicklung mit PHP, Javascript, jQuery, jQM und eine wenig Phyton unter Eclipse hat ein Übriges dazu beigetragen. Und ich finde: Gerade ISO 27000-Berater sollten mal in so schöne Dinge wie Kali Linux, Metasploit und Konsorten reingeschnuppert haben ...

Wenn sich "spannend" in einer so vielfältigen Form mit "kostengünstig" trifft, muss ich über Plattformen für mein eigenes bescheidenes Server- und Desktop-Umfeld nicht viel nachdenken.

Einsatz von Linux und Windows im eigenen Netz

Ich bin zwar Freelancer. Dennoch brauche ich eine vernünftige und vor allem flexible Systemumgebung, die Büro- und Goupware-Arbeiten, Multimedia-Nutzung, SW-Entwicklungs- und technische "Forschungs-" Arbeit unterstützt - für mich, meine Frau und bei Bedarf auch für weitere Mitarbeiter. Mit hinreichender Abschottung nach außen - und per Netzwerksegmentierung auch nach innen. Linux bietet mir hier alles. Windows läuft zusätzlich mit - und zwar da, wo es bei uns einen angemessenen Platz findet: Im Virtualisierungsfenster.

Auch dies ist natürlich wiederum keine qualifizierte oder qualifizierende Aussage bzgl. des Einsatzes von Linux- oder Windows Servern und -Clients in großen Unternehmen. Dort kommen ganz andere Faktoren ins Spiel als bei einem Freiberufler mit relativ wenigen Arbeitsplätzen.

So sehe ich u.a. Linux auf dem Desktop z.T. auch durchaus kritisch. So spannend vieles ist - es gibt gerade aufgrund der enormen Innvovationsgeschwindigkeit immer wieder Phasen, in denen sich die "Zipperleins", mit denen man sich rumschlagen muss, häufen - nicht nur auf dem Desktop, aber dort besonders häufig. Das stresst und nervt im Arbeits-Alltag, und nicht immer reichen Zeit und Wissen, um den Problemen schnell auf den Grund zu gehen. Moderne Linux-Systeme haben aufgrund ihrer Modularität so viele Facetten, dass man bei ernsthaften Schwierigkeiten erstmal viel, viel lesen und ausprobieren muss. Gut als Hobby, u.U. aber schlecht als Plattform der täglichen Arbeit.

Hier muss man eben durch eine systematische Upgrade-Politik und Ausweichoptionen Vorsorge treffen. Aber es ist unter Linux eben gerade kein Problem, mehrere Desktop-Versionen auf einem PC gleichzeitig am Leben zu halten und - wenn nötig - auch parallel oder alternativ zu benutzen.

Ich habe den eigenen Wechsel zu Linux in dem von mir selbst kontrollierten bescheidenen Umfeld mit mehreren Servern und Clients jedenfalls nie bereut. Durch Schwierigkeiten lernt man immer auch. Bei Linux hatte ich als Freiberufler immer den Eindruck:

Du hast selbst gute Chancen, eventuelle Probleme zu lösen. Und wenn mal nicht: Es gibt im Linux-Umfeld immer Leute, die mehr wissen als du, und die bereit sind, dir zu helfen und fundiertes Wissen auch zu teilen.

In den Jahren meiner Windows-(Client und Server)-Nutzung blieb dagegen immer das Gefühl: Es hängt vom Glück oder vom Geldbeutel ab, ob sich ein Problem lösen lässt. Man ist dem Wohlwollen der SW- und HW-Hersteller und dem Vertriebsunternehmen deiner Wahl mehr oder weniger ausgeliefert und das manchmal zu sehr hohen Kosten.

Auch hier gilt wieder: Das kann für große Unternehmen ganz anders aussehen. Auch professioneller Linux-Support ist durchaus teuer.

LAMP-Server für Kunden

Aus Entwicklungstätigkeiten heraus hatte sich der Bedarf ergeben, ein paar gehostete LAMP-Server für Kunden zu dimensionieren, aufzusetzen und zu verwalten. In einem Fall haben dabei Sicherheitsvorkehrungen eine große Rolle gespielt. So hatte Linux sogar mal zu direkten Einnahmen geführt ....