Windows 7 Updates – ein erzwungener Blick ins alltägliche Leiden vieler Zeitgenossen …

Es gibt Tage, in die der Ärger schon einprogrammiert ist. Zu solchen Tagen gehören oftmals solche, an denen man sich gezwungenermaßen mit Windows auseinandersetzen muss. Ich war vorgewarnt: Eine gute Bekannte schafft es seit ca. 6 Monaten nicht mehr, ihr WIN 7-System auf den neuesten Stand zu bringen. Nach ihrer Aussage werkelt der PC Ewigkeiten vor sich hin - von 2 CPU-Kernen ihres Laptops sei einer immer ausgelastet. Aus dem Bereich des Windows-Update-Tools kämen zudem laufend Fehlermeldungen ... Sie wisse nicht mehr, was sie tun solle ... (Den Rat, auf Linux zu setzen, mag sie leider aber immer noch nicht annehmen ...). Tja, mir fällt da nur der Satz ein: Drum prüfe, wer sich und seinen PC ewig bindet.

Aber kein Grund zur Schadenfreude: Gestern traf es mich selber. Ich war gezwungen im Zuge von Arbeiten für einen Kunden mal wieder meine 2 Windows 7-Systeme anzuwerfen. Beide laufen unter VMware - eines auf einem Linux-PC, das andere auf einem Linux-Laptop. Das letzte Mal hatte ich das erste Windows-System Anfang März 2016 gestartet - zum Updaten - aber auch da waren schon 2 Monate ohne Benutzung ins Land gegangen. Also habe ich seit Januar dieses Jahres ohne jeglichen Einsatz von Windows gelebt; eigentlich ein Grund zur Freude! Aber Windows wäre nicht Windows, wenn es keine Probleme gäbe - das dicke Ende kam dann prompt.

Im März hatte ich das Windows-System während einer Fernsehsendung sich selbst überlassen und den Update-Prozess nicht so genau verfolgt. Möglicherweise existierte das Problem, das ich jetzt feststellen musste, damals schon. Win 7 benötigte nach dem gestrigen Neustart einige Zeit, um festzustellen, dass es ca. 35 Updates einspielen muss. OK, nicht so verwunderlich. Also: Download und Installation gestartet. Dann vergingen Stunden (!) - ohne dass irgendetwas erkennbar Sinnvolles passierte.

Ein Blick in den Task Manager ergab: Ein "svhost.exe"-Prozess rödelte und rödelte auf dem System vor sich hin. Und wie bei meiner Bekannten ziemlich CPU-intensiv: Von 2 CPU-Kernen, die ich VMware zur Verfügung gestellt hatte, war einer immer zu 100% ausgelastet, manchmal aber auch beide. Die Nutzung des RAMs (4GByte) variierte oberhalb von 80 % bis hin zu 95%. Ohne jede Fortschrittsanzeige. Ein paralleler Blick auf unsere Firewall und unseren Router zeigte währenddessen so gut wie keine Netzaktivität.

Ich habe dann testweise mein anderes (ebenfalls virtualisiertes) Windows-7-System auf dem Laptop gestartet. Das gleiche Chaos - über Stunden. Auf dem PC-System habe ich dann nach 3 Stunden den Update-Prozess abgebrochen; es wurden dann drei kleinere Updates von 5 erfolgreich installiert; für 2 weitere kamen Fehlermeldungen, der Rest der 35 Updates wurde als abgebrochen angezeigt. Ein erneuter Versuch, Updates zu such und zu laden, mündete dann erneut in einen nicht enden wollenden Suchvorgang, erst mit hoher CPU-Auslastung durch einen msinstaller-Prozess, dann wieder svchost.exe - ohne jeden erkennbaren Fortschritt. Ich habe dann entnervt abgeschaltet.

Der einzige Trost: Ich war und bin nicht allein. Offenbar gab und gibt es seit Juli 2015 (!) regelmäßig Probleme mit Windows 7 und automatischen Updates. Ich gebe als Beleg nur 2 Links zu relativ aktuellen Blogs an, die gleichzeitig Hinweise zur Problembehebung enthalten; die Trefferliste von Betroffenen, die sich im Internet zu Schlagwörtern wie "windows 7 updates slow high cpu" äußern, ist aber gigantisch :

https://alexanderschimpf.de/windows-7-update-es-wird-nach-updates-gesucht
http://www.borncity.com/blog/2016/07/17/windows-7-und-die-langsame-update-suche-july-2016/comment-page-1/

Dass es auf manchen Systemen noch zu ganz anderen gravierenden Problemen mit Windows 7 Updates kommen kann, illustrieren folgende Artikel
http://www.computerworld.com/article/3070446/windows-pcs/windows-update-on-windows-7-is-still-a-problem.html
https://blog.botfrei.de/2016/05/microsoft-update-fuer-windows-7-sorgt-fuer-probleme/

Im übrigen scheint auch Win 10 von Update Problemen betroffen zu sein:
https://www.quora.com/Microsoft-Windows-10-Why-is-Windows-10-update-extremely-slow
https://support.microsoft.com/de-de/kb/3102810
http://www.itpro.co.uk/operating-systems/25802/15-windows-10-problems-and-how-to-fix-them-5

Was bin ich froh, dass ich mich mit dieser Art von Problemen normalerweise nicht auseinandersetzen muss! Mir tun die (z.T. regelmäßig) Betroffenen ehrlich leid.

Lösung für Win 7

Ich bin dann heute dem Ratschlag der Artikel hinter den beiden ersten Links gefolgt:

  • Schritt 1: Das Windows Update Tool über die Systemsteuerung (temporär) so einstellen, dass es nicht nach neuen Updates sucht.
  • Schritt 2: manueller Download folgenden Paketes, das viele Updates bündelt und einer Art Service Pack für Win 7 [64Bit] entspricht:
    windows6.1-kb3172605-x64_26f4cc7831a0d76393445b7b0a1a3ed5cd5b4047.msu
    Link:
    http://download.windowsupdate.com/d/msdownload/update/software/updt/2016/07/windows6.1-kb3172605-x64_26f4cc7831a0d76393445b7b0a1a3ed5cd5b4047.msu
    (siehe auch: https://alexanderschimpf.de/windows-7-update-pack)
     
    Nachtrag 29.09.2019: Nutzer eines 32Bit-Windows-7-Systems müssen sich folgendes Paket herunterladen und installieren:
    http://download.windowsupdate.com/d/msdownload/update/software/updt/2016/07/windows6.1-kb3172605-x86_4a9464688e111c4c1f63f94b543495f15ce6558d.msu
  • Schritt 3: Doppelklick auf die heruntergeladene Datei. Es öffnet sich ein rel. kleines, abgeundetes Fenster des Win 7 Update-Prozesses. Und der beginnt leider erneut mit der stundenlangen Suche nach Updates ... grrr .. Die automatischen Update-Prozesse, die das Chaos verursachen laufen also noch.
  • Schritt 4: Taskmanager starten (Ctrl-Alt-Delete) => alle Prozesse anzeigen lassen und nach CPU-Verbrauch sortieren => den führenden "svchost.exe"-Prozess, der praktisch einen CPU-Kern (oder die ganze CPU) auslastet, manuell beenden.
  • Schritt 5: Erneuter Doppelklick auf die heruntergeladenenn msu-Datei. Leider kommt dann typischerweise noch eine Warnung des Typs: "Only one instance of wusa.exe is allowed to run" => Task-Manager => Prozessanzeige => alphabetisch sortieren => wusa.exe-Prozess beenden.
  • Schritt 6: Erneuter Klick auf die heruntergeladene msu-Datei => es öffnet sich nun ein (rechteckiges) Fenster, das nach wenigen Augenblicken eine Bestätigung zur Installation anfordert => Installation durchführen lassen.

Dann passiert tatsächlich was. Nach relativ kurzer Zeit (bei mir ca. 2 Minuten) ist die Installation fertig. Nach dem bei Windows üblichen kompletten Systemneustart den Abschluss der Installation abwarten. Danach einloggen und die Einstellungen zum Windows-Update wieder ändern; bei mir "Nach Updates suchen, aber Zeitpunkt zum Herunterladen und Installieren manuell festlegen". Dann erneut nach Updates suchen lassen.

Das Positive war, dass die Suche nun nur ca. 1 bis 2 Minuten dauerte. Merkwürdig allerdings, dass nun auf einmal 45 Updates gefunden wurden, die noch zu installieren waren (ohne die optionalen). Also deutlich mehr als ursprünglich erkannt. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Vielleicht setzten die neuen Updates die vorherige Installation anderer Updates voraus - und Windows ist nicht in der Lage, das vernünftig zu organisieren. Oder schlicht Fehler? Wer weiß.
Das Ganze bestätigt nur, wie seltsam und ineffizient das Windows-Update-System organisiert ist - und wie der User eigentlich hilflos daneben steht. Jedenfalls liefen sowohl der Download und auch die Installation danach wieder zügig durch. Auch für optionale Updates und auch - mit gleicher Vorgehensweise - auf dem zweiten Win 7 System.

Habe aufgrund dieses Erfolges nun meine Bekannte unterrichtet: Auch da führte das Procedere zum Erfolg. Sie kann nun - nach einem halben Jahr Leiden und Arbeitsbehinderung durch hohe CPU-Auslastung eines nie enden wollenden Update-Prozesses - endlich wieder mit ihrem Windows arbeiten. Die Arme ...

Fazit

Windows ist immer mal wieder ein Leiden. Gott sei Dank gibt es so nette Leute wie die Herren Dr. Schimpf und Hrn. Born, die die oben genannten Artikel geschrieben haben - Ihnen gebührt Dank für ihre Versuche und Tests. Wie einer von Ihnen sagte: Zumindest bis zum nächsten patch day ...

Und zum Abschluss noch folgende Feststellung: Würde sich jemand mal die Mühe machen, die durch die Windows-Update-Probleme entstandene Arbeitsbehinderung für betroffene Normal-User in Deutschland zu ermitteln und hochzurechnen, so würde man wahrscheinlich feststellen, dass die Nutzung von Win 7 im letzten Jahr massive volkswirtschaftliche Schäden verursacht hat. Neben verlorener Arbeitszeit ist auch der verursachte überflüssige Stromverbrauch zu nennen.

Ein Grund mehr, sich über sein Linux zu freuen - und den relativen Komfort der dortigen Paket-Manager zu genießen.

Windows 10 und die Süddeutsche Zeitung

Man würde meinen, dass die Technik-Sparte einer seriösen Zeitung wie der SZ von Journalisten gestaltet wird, die die Kunst der kritischen Distanzwahrung und der sachlichen Informationsweitergabe zu kontroversen Themen gelernt haben. Oder im Zweifel zumindest Fachleute (!) mit unterschiedlichen, aber begründeten Ansichten zu einem kontroversen Thema zu Wort kommen lassen.

Hrn. Hurtz von der SZ hat es heute mit seinem Artikel
"Heute noch geschenkt, bald richtig teuer"
(http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/windows-betriebssystem-heute-noch-geschenkt-bald-richtig-teuer-1.3095229)
zur kommenden Kostenpflichtigkeit von Windows 10 geschafft, technischen Journalismus in ungeahnte Tiefen zu führen. Und er hat den erreichten Tiefpunkt dann nochmal durch einen nachgeschobenen Online-Artikel
http://www.sueddeutsche.de/digital/microsoft-warum-sie-keine-angst-vor-windows-haben-muessen-1.2835023
tiefer gelegt.

Ich habe die genannten Artikel gleich dreimal lesen müssen, weil man es ja kaum für möglich hält, wie distanzlos sich die SZ - hoffentlich ungewollt - vor den Karren der Interessen Microsofts spannen lässt. Ich persönlich halte bekanntermaßen wenig von MS-PC-Produkten - das ist eine, nämlich meine Sache. Aber Artikel, in der die Presse in fast humorigem Ton die Werbe-Arbeit von MS verrichtet, ist eine andere. Ich erlaube mir, in diesem Fall ein großes Fragezeichen hinter die Seriosität der genannten Artikel und hinter die interne Qualitätssicherung bei der SZ zu setzen. Ehrlich, die Lektüre ist mir aufs Gemüt geschlagen - ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass die SZ so was publiziert. Der Frust macht ein wenig Polemik zur erneuten Gewinnung des inneren Gleichgewichts fast unerlässlich. Wohlgemerkt, mir geht es dabei gar nicht um Microsoft. Das vertritt wie jedes Unternehmen legitimerweise seine Interessen - und Windows 10 interessiert mich nun wirklich nur peripher. Mir geht es darum, wie abgrundtief schlecht die obigen Artikel sind.

Welche neutrale Sachinformationen liefert uns der erste der genannten Artikel, der sich in der heutigen Druckausgabe der SZ über 5 Spalten erstreckt und vom nicht bebilderten Teil der Seite etwa die Hälfte einnimmt? Genau zwei: Windows 10 wird ab August etwas kosten. Und MS hat das eigene Ziel von 1 Milliarde Upgrades bislang weit verfehlt. Das war's. Dafür würde man wohl kaum 5 Spalten brauchen. Nun könnte sich an die Sachinformationen ja z.B. eine Gegenüberstellung begründeter (!) Argumente für und gegen ein Upgrade von Windows 10 anschließen. Aber was lesen wir?

Da ist zunächst wortgewaltig von "religiösem Eifer" und "Glaubenskriegen" der Gegner von Windows 10 die Rede. Wir erfahren unter Zuhilfenahme eines Zitats von Umberto Ecco von 1994 (!), dass die IT-Welt schon immer in 2, seit kurzem aber sogar 3 religiöse Lager geteilt sei: Apple-Anhänger, Windows 10- und Windows 7-Anhänger. Dass die schärfste Kritik an Windows 10 möglicherweise gar nicht von Apple- oder Windows 7 Anhängern kommt, muss man sich als Leser erst viel später aus der beiläufigen Erwähnung von Klagen deutscher Verbraucherschutz-Verbände erschließen.

Der Rest des verfügbaren Platzes wird durch die Wiedergabe von Einschätzungen des Leiters des Geschäftsbereichs für Windows von MS Deutschland zur Kritik an Win 10 in Anspruch genommen. Von diesem Herrn erfahren wir dann lang und breit, welche wenig stichhaltige Argumente die Windows 10 Gegner (angeblich) ins Feld führen - etwa "never touch a running system" (gemeint ist Windows 7). Das sitzt ... ich reibe mir die Augen und bin echt betroffen. So hatte ich das Thema Windows 10 zwar noch nie gesehen; aber wenn ein Geschäftsführer von MS das sagt ..... Richtig beeindruckend, diese saubere, gründliche Journalistenarbeit von der SZ ....

Und dann wird es wirklich interessant - es geht um "Die beiden zentralen Kritikpunkte an Windows 10 - Datenschutzbedenken und Zwangsupgrade". Na, was erfahren wir wohl dazu? Ja, die halte der Leiter des Windows-Geschäftsbereichs Deutschland für "überschätzt". Ach wirklich? Echt ???... das hätte ich nun überhaupt nicht erwartet.... Der journalistische Tiefgang des Artikels, der das alles kommentarlos weitergibt, beeindruckt mich immer mehr ...

Und weiter: Wer wolle, könne ja die "meisten Überwachungsfunktionen abschalten". usw., usw.. "Und was viele Nutzer als penetrante Aufforderung zum Upgrade empfunden haben" hält der Geschäftsführer von MS für ein vernünftiges Vorgehen. "Niemand sei ... zwangsbeglückt worden". Diese Botschaft freut sicher jeden, der mal versucht hat, die "Beglückung" durch Werkeln in der Wndows-Registry abzuschalten.

Die journalistische Meisterleistung von Hrn. Hurtz wird abschließend von der Wiederholung seiner Erkenntnis gekrönt, dass sich die Tech-Szene in Kürze in drei "Religionen" (Apple, Win 10, Win 7) teilen werde. Halt - da entdeckt der SZ-Journalist doch noch eine weitere Gruppe - nämlich die "Atheisten" - ja, liebe Leute, das sind wir, die mit Linux.

Wem der Salat an MS-Meinungswiedergabe als Haupt-"Information" des Artikels noch nicht gereicht hat, der konnte ergänzend einen 2-spaltigen Kasten mit Kleingedrucktem lesen, in dem die schöne neue Welt von Windows angepriesen wird: Nur noch laufende Updates eines ewigen Windows 10 und verbesserte Funktionen "eines bereits stimmigen Betriebssystems". Ja, wer's mag - wie offenbar besagter Redakteur der SZ - für den ist das halt das Höchste ..

In dieser begrenzten Logik bleibt die (IT-) Erde auch weiterhin eine Scheibe ... sie wird in Zukunft nur viel runder und noch stimmiger. Never touch a running ideology ... die religiösen Eiferer aus dem Apple und Win 7-Lager und wir, die "Atheisten" aus dem Linux-Lager, haben da nur noch nicht genau genug hingesehen. Der Abgrund am Rand der Scheibe ist jetzt dank ausführlicher Nutzungsklauseln sogar markiert und mit dem verbesserten Angebot kann man noch tiefer in ihn hineinsehen - kein Grund mehr ihn zu überschätzen ... Danke, liebe SZ, für diese humorig verfasste "Information" - endlich habe ich es begriffen! Bleibt nur die Frage, warum Hr. Hurtz nicht einfach, kurz und prägnant geschrieben hat:

Liebe MS-Gläubigen, die ihr bisher der täglichen frohen Upgrade-Botschaft aus völlig unverständlichen bis ketzerischen Gründen nicht gefolgt seid: Beeilt euch mal - denn sonst muss MS den Klingelbeutel in der Gemeinde rumgehen lassen. Und wie wir aus gewöhnlich bestens informierten Kreisen der MS-Geschäftsführung erfahren haben, sind alle eure Motive, Windows 10 nicht einzusetzen, in der Nähe religiösen Eifertums angesiedelt, aber objektiv nicht nachvollziehbar. Die MS-Geschäftsführung weiß das - und natürlich auch, was wirklich gut für euch ist !! Ihr müsst es einfach nur glauben. Und Datenschutz in Europa und Deutschland ist ja eh' schon immer überschätzt worden. Nun aber bitte gleich upgraden - damit MS seine Geschäftsziele erreicht. Sonst Strafgebühr ....

Das wäre wenigstens klar, ehrlich und platzsparend gewesen - und man müsste sich als Leser nach der Lektüre nicht verzweifelt die Frage stellen, ob Hr. Hurtz in seinem aufklärerischen Eifer schlicht nicht gemerkt hat, dass dieser Artikel auch aus der Werbeabteilung Microsofts stammen könnte. Bis 15:00 Uhr habe ich noch an Unbedarftheit geglaubt; aber dann wird von der SZ online noch ein weiterer Artikel nachgeschoben mit dem Titel: "Warum Sie keine Angst vor Windows 10 haben müssen".

Einige Argumente werden auch in diesem Artikel wieder aus dem reichen Erkenntnisschatz von MS geliefert: Das Datenabgreifen erfolge ja im besten Interesse des Nutzers und würde nur in anonyme Statistiken einfließen. Wer die Nutzungsbedingungen ganz lese (was aber wegen der Länge kaum einer tue) könne das begreifen. Und MS würde nie persönliche Mails durchsuchen, um Werbung zu schalten. Sagt MS - und dann wird es ja wohl stimmen und muss von der SZ unreflektiert verbreitet werden. Offen bleibt in diesem einseitigen Diskurs die Frage der Ketzer: Aber warum werden z.B. die Mails der Windows 10 User dann überhaupt auf MS-Server übertragen?

Ich selbst habe alle Nutzungsbedingungen von MS Win 10 sehr genau gelesen - auch das flankierende Service Agreement: Da bleiben eigentlich keine Fragen offen. Du akzeptierst als Nutzer, dass MS bei Standardeinstellungen und im Zweifel zu Wartungszwecken alle deine Daten auf eigene Server transferiert. Wozu? Tja, da muss der MS-Adept halt einfach glauben, dass das zu seinem Wohle ist. Zu platt? Stimmt, denn selbst Hrn. Hurtz kommt dann auf Seite 2 des Artikels der schlimme Verdacht, das selbst die bislang Gläubigen nicht so einfach von neuen Götzen zu überzeugen sein werden. Und die Predigt nimmt dann eine neue Richtung:

"Komfort gibt es nur im Tausch gegen Privatsphäre ...jeder Zugewinn an Komfort geht mit einem kleinen Verlust an Privatsphäre einher. Das ist bei Google und Apple aber nicht anders." Denn: Das mit dem Komfort funktioniert nur - Zitat - "wenn man bereit ist, einen Teil seiner Privatsphäre zu opfern. Es gibt gute Gründe, diese Entwicklung zu bedauern. Aber es gibt keinen guten Grund, allein Microsoft an den Pranger zu stellen, weil sie mit der Zeit gehen. Wer diesen Weg nicht mitgehen will, hat längst eine gute Alternative zu Windows und iOS. Sie heißt Linux."

Aha, Überraschung: Privatsphäre geht bei Einsatz von Windows 10 womöglich doch verloren - aber ich soll MS halt glauben, dass das zu meinem Besten ist. Und dass andere Anbieter von PC- und Smartphone -Betriebs-Systemen auch nicht besser sind, ist dabei ein wirklich tröstlicher und tiefer Gedanke von Hrn. Hurtz. Habt keine Angst, liebe Gläubigen ...in den Paradiesen der zukünftigen IT werden wir alle gleich unfrei sein.

Der Artikel erteilt dann abschließend noch die Absolution für die Ketzer; moderne Botschafter von Betriebssystem-Religionen sind schließlich liberal. Denn wer die beschriebene Opferung der informationellen Selbstbestimmung auf dem Altar des Dogmas "Komfort hat den Preis der Privatsphäre" partout nicht einsehen wolle, könne sich ja (ganz im Sinne des ersten Artikels) als Atheist aus den genannten drei Kirchen abmelden - durch die Benutzung von Linux. Letzteres muss gemäß der Hurtz'schen Argumentation und Logik aber leider höllisch unkomfortabel sein.

Na dann, liebe Linuxer - auf ins Fegefeuer ... da muss man wenigstens keinen miserablen Journalismus mehr ertragen ...

Win 10 – Statistiken – Cortana – und ein wenig Polemik ….

Vor einiger Zeit habe ich mich in diesem Blog kritisch zu den Standardeinstellungen von MS Win 10 Home und den damit verbundenen Transfers privater Daten auf (amerikanische) Server von Microsoft geäußert.

Mir wurde daraufhin auch im eigenen Bekannten-Kreis immer wieder sehr deutlich klar gemacht, dass das "wohl völlig egal sei und die Vorteile von Win 10 die Nachteile bei weitem überwiegen würden". Das Datensammeln sei schließlich auch bei Google so - aber man habe ja nichts zu verbergen. Nun will gar nicht erst damit anfangen, MS gegen Google aufzurechnen. Und regelmäßig den Sinn von Privatsphäre als grundlegenden Pfeiler einer demokratischen Informationsgesellschaft freier Bürger auch für hochgebildete Leute begründen zu müssen, bin ich ein wenig müde geworden. In diesem Sinne ist folgender Text nur ein Ausdruck ständiger Verwunderung über die widerspruchslose bis begeisterte Hinnahme bestimmter Entwicklungen ....

Vor kurzem sind Statistiken zum Einsatz von Win 10 und auch der unter Win 10 benutzten Programme bekannt geworden. Siehe:

http://www.ghacks.net/2016/01/05/microsoft-may-be-collecting-more-data-than-initially-thought/

Nehmen wir mal an, die dort genannten Zahlen stimmen, und greifen wir uns ein Beispiel heraus:

"Users asked Cortana more than 2.5 billion questions since launch."

Ja, das gute Cortana (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Cortana_%28Software%29) - endlich eine MS-Antwort auf Technologie, die von Apple und Google schon lange benutzt wurde und wird. Und wie bei der Konkurrenz geht Cortana über die Stimmerkennung weit hinaus und erforscht ein Personenprofil auch über andere Daten (Notizbuch, E-Mails, Bing-Anfragen, ....). Siehe

http://www.windowsphone.com/de-DE/how-to/wp8/cortana/cortanas-settings
http://windows.microsoft.com/de-de/windows-10/getstarted-what-is-cortana-mobile
und die dortigen Links.

Was mich im Zusammenhang mit Cortana interessiert, ist der kleine, unscheinbare Satz im oben genannten Wikipedia-Artikel:

"Microsoft bestätigt „personalisierte Sprachmodelle“ anzulegen."

Leider mit Verweis auf einen Zeitungsartkel der TAZ, der sich als echter Beleg nicht eignet.

Die entscheidende Frage ist: Wo werden die personalisierten Sprachprofile gesammelt? Dass das auf MS-Servern passiert, ist schwer zu beweisen, erscheint aber allein schon aus technischen Gründen plausibel. Es ist viel leichter, zuverlässige Sprach- und Stimm-Erkennung auf geeigneten Servern als z.B. Win 8 oder Win 10 Smartphones zu betreiben. Lässt sich diese Plausibilität untermauern? So zeigen folgende Artikel von MS, dass Cortana auf die Stimme des Benutzers trainiert werden kann.

http://windows.microsoft.com/de-de/windows-10/getstarted-what-is-cortana
http://windows.microsoft.com/de-de/windows-10/getstarted-make-cortana-yours

Nix Neues unter der Sonne und ans ich auch nichts Problematisches - wenn denn die zugehörigen Stimmprofil-Daten nur lokal auf meinem Endgerät vorgehalten würden.

Auf der Suche nach mehr Information gucke ich dann mal auf die durchaus lesenswerte Seite
http://www.windowsphone.com/de-de/how-to/wp8/cortana/cortana-and-my-privacy-faq
und da steht:

"Ihre per Spracherkennung eingegebenen Bing-Suchanfragen werden wie textbasierte Suchanfragen behandelt und können zur Verbesserung der Bing-Suchergebnisse und zum Bereitstellen passender Werbung für Sie genutzt werden."

Ok, Ok - das ich mit der Preisgabe meiner Persönlichkeit und Vorlieben für die Nutzung eines Betriebssystems bezahlen muss, ist ja laut meiner Bekannten angeblich "egal". Unklar ist mir aber immer noch, ob die Sprachaufzeichnung - also mein Stimmmuster - selbst auf MS-Server wandert.

Also wage ich doch noch mal (mit Schaudern) einen Blick in das wirklich informative und seitenlange "Privacy Statement" von Windows 10:
https://www.microsoft.com/en-us/privacystatement/default.aspx
Freundlicherweise gibt es da einen Link namens Cortana. Ich zitiere aus dem entsprechenden Text:

"Speech and Input Personalization. To help Cortana better understand the way you speak and your voice commands, speech data is sent to Microsoft to build personalized speech models and improve speech recognition and user intent understanding. On Windows devices, Cortana can only work if Input Personalization is on, so if you turn it off, Cortana will be disabled. See the Windows Input Personalization section for more information."

(Hervorhebung von mir.)
Aha,: "speech data is sent to Microsoft to build personalized speech models". Nun, da liegt die Vermutung doch sehr, sehr nahe, dass es sich hierbei wohl um Audio-Stimmaufzeichnungen handelt. Nehmen wir das mal an.

Dann würde die oben erwähnte Statistik im negativen Fall bedeuten, dass nun auch MS personalisierbare Stimmmuster zu Millionen von Menschen sein Eigen nennt. Ohne Kontrolle darüber, was mit diesen biometrischen Informationen geschieht, wie lange sie aufbewahrt werden und vor allem, wofür und von wem die Inhalte der Fragen, die über Cortana gestellt wurden, genutzt werden.

Deshalb ein wenig Real-"Polemik" - wie die MS Anhänger unter meinen Bekannten das nennen würden:

In einigen Jahren bin ich im Urlaub - irgendwo in Brasilien - und das Hotel stellt seinen Hotelgästen Windows 12 Systeme zur freien Benutzung zur Verfügung. Und weil dort keine anderer Browser verfügbar ist, öffne ich Edge und eine freundliche (vermutlich weibliche) Stimme bittet mich auf Englisch, eine Frage zu stellen. Und weil ich meiner Frau einen Konzertbesuch versprochen habe, frage ich in meiner Not nach "concerts in the city". Und die freundliche Stimme von MS antwortet mir auf Deutsch:

"Hallo Ralph, schön dass du doch mal wieder ein MS-System benutzt. Du redest leider so selten mit uns! Offenbar bist du im Urlaub. Brasilien ist ein tolles Land. Schön übrigens, das es dir wieder besser geht - nach deinem letztjährigen Infarkt, über den deine Frau bei Facebook schrieb. MS wünscht dir gute Erholung! Aber welche Art von Konzert soll ich dir vorschlagen? Du bestellst doch sonst immer Jazz-MP3s bei Amazon. Also ein Jazz-Konzert? Mit Kjetil Björnstadt - den magst du doch so gerne ... Und weil wir schon dabei sind: Unsere neue App zur Stadtführung läuft auch auf deinem Samsung S12 Android-Handy. Wir beantworten dir gerne alle deine Fragen auf deinem nächsten Stadtrundgang ... und wenn du eine etwas ausgefallene Kneipe suchst - wie in deinem letzten Urlaub - dann habe ich eine wirklich gute Empfehlung für dich ... ".

Personenerkennung über Sprachmuster, Geo-Tracking über Sprachmuster, Ankopplung an Daten zu meinem Verbraucherverhalten, die die großen Konzerne im gegenseitigen Nutzen inzwischen gegenseitig austauschen. Einschätzung meiner aktuellen finanziellen Lage (Urlaub in Brasilien!). Konsumverhalten im Urlaub, etc., etc..

Cortana-Anhänger finden eine solche Entwicklung sicher gut und richtig. Egal auch, ob und zu welchen Zwecken diese Daten ggf. noch von anderen interessierten Organisationen benutzt werden. Wen interessiert es denn in Zukunft noch, wohin personenbezogene Daten wandern ....

MS kann ich im Moment nur beglückwünschen - der bislang noch geringe Anteil am fast schon verteilt geglaubten Kuchen der kommerzialisierten Nutzung von elektronischen Personenprofilen wird mit dem kostenfreien Windows 10 Home und den oben genannten Zahlen sicher massiv wachsen. Statt "Win-dows" nun also "Win-knows" .... Man sollte wieder MS Aktien kaufen ... Dabei hatten sie diese Entwicklung doch fast verschlafen ...

Meine früher schon gut gemeinte Bitte an die Nutzer von MS Windows 10 Home, im eigenen Interesse sowohl das sog. "Privacy Statement" als auch das "Service Agreement", zu dem ihr eure Zustimmung gebt oder schon gegeben habt, bitte wenigsten ein einziges Mal genau durchzulesen, halte ich aufrecht .... Es sind ja nur ca. 45 Seiten. Wenn ihr entsprechende Links sucht: Sie befinden sich am Ende folgenden lesenswerten Artikels:
http://thenextweb.com/microsoft/2015/07/29/wind-nos/

Übrigens: Einige User, die einfach upgegradet haben, sind über Win10 offenbar schon so verärgert, dass Klagen angestrebt werden. Siehe:
http://www.zdnet.de/88253055/nutzer-streben-wegen-windows-10-problemen-sammelklage-gegen-microsoft-an/
Mein Bekanntenkreis gehört wohl nicht dazu ...